Der letzte Oelbermann ging
Rückblick auf den Nerother Wandervogel
Von Werner Helwig
Großer doppelherziger Strom, - diese Titelprägung des amerikanischen Dichters Ernest Hemingway fällt mir ein, wenn ich nach einem Bild suche, das Wort, Wesen, Wirkung und Geschichte des Nerother Wandervogels schlagartig erfaßt und zur Anschauung bringt.
Ein großer Strom, der sich seinen Weg durch die Jahre bahnt und alle Hindernisse (und was für Hindernisse waren das) unwiderstehlich überwältigt und nun schon fast ein Jahrhundert lang (unser Lebensjahrhundert, wenn man die Zeit von 1910 bis heute als dessen größeren Teil rechnet) in Tat und Vorstellung gegenwärtig ist.
Doppelherzig, weil seine Gründer und Inspiratoren ein Zwillingspaar bildeten, die Brüder Robert und Karl Oelbermann.
Den durch Weltkrieg I und dessen Nachwehen zerrütteten, durch Vielstrebigkeit der Ideen und Absichten fast an den Rand ihres Fortbestehens geratenen Wandervogel bünden der Vorkriegszeit, setzten die bei den Frontheimkehrer eine neue Fassung jugendlichen Bewußtseins entgegen: den problemlosen Jugendbund, in welchem die eben modisch werdenden Pflichtfächer .Politik", ,,Politische Ideologie", nach Ismen genormte Weltanschauung wie Vegetarismus, Anarchismus, Rassismus, völkischer oder internationaler Idealismus, zugunsten einer freien Entscheidung jedes Einzelnen für sich selbst, gestrichen waren. Keinem war verwehrt, zu denken, zu suchen, Dinge anzustreben, die ihm wichtig schienen: Doch innerhalb des Bundes galt er nur als der Charakter, als welchen er sich bewies. Innerhalb des Bundes galt er einzig als jenes Lebewesen, das eben zu dieser Frist in die Welt gestellt war und sich ihrer Möglichkeiten wie ihrer Gestalt versichern wollte. Dazu verhalf ihm der Bund. Er vermittelte durch seine Fahrten und Veranstaltungen die praktische Grundlage, Welt zu erfahren, Welt zu entdecken, sich mit den eigenen Kräften in ihr heimisch zu machen durch fraglose Bejahung, vorhanden zu sein, - etwas das als primäres Wunder zu begreifen heute ja immer mehr abhanden kommt. Dies alles und viel mehr noch dazu war „mit drin“, als Robert und Karl Oel bermann in der großen alten natürlichen Höhle, die ihren Namen von dem Dorf Neroth in der Eifel hat, zum ersten Mal den „ Nerother Wandervogel“ in einem Kreis von Verschworenen ausriefen. Das geschah 1920. Schon diese Ortswahl bewies charismatisches Gespür. In dem Namen ballten sich Geheimnis und Gewalt. Er übte eine merkwürdige Anziehungskraft auf die verschiedensten Gemüter. So waren dem Bund berühmte Freunde und Förderer zeit seines Bestehens beschieden. Von dem indischen Poeten Rabindranath Tagore bis zu den Schulreformer Gustav Wieneken und dem Schweizer Dichter Carl Spitteler, von Karl Fischer, dem Begründer des Urwander vogels in Steglitz bis zu dem rheinischen Dichter Stefan Andres, wäre eine Ehrengarde zu benennen, die in der Wider sprüchlichkeit ihrer Zusammensetzung nur durch die Horizontweite des Nerothertums zu erklären ist. Dazu gehört die Unbe grenztheit seines Aufnahme- und Erfas sungsvermögens. Ob jüdische Menschen, ob Andersrassige (in einer Hamburger Gruppe gab es einen jungen Neger, der stolz seine Nerother Kluft trug), jeder, der sich zugehörig fühlte, war willkommen. Auslandsgruppen bildeten sich in den USA, in Südafrika, in Südamerika und in Schweden.
Und da der Bund von anfang an sein eigenes Zentrum besaß: die Burg Waldeck im Hunsrück, pilgerte man dorthin, von überall her, wo Nerother je auf Fahrt gewesen waren und Freunde gewonnen hatten. Und wie der Bund nicht gezögert hatte, Russland zum 10. Jahrestag seiner Revolution zu besuchen und zu durchstreifen, so gab es auch Nerother, die sich später dem Marxismus verschrieben, oder im Nationalismus ihr Heil erblickten. Beides ist hier nur vermerkt, um die Freiheit anzudeuten, die dem Bund selbstverständlich war. Es gab keine Indoktrinierung. Der erwachsene Nerother wählte, wozu er sich berufen fühlte. Man ging in die Wissenschaft, Technik, Wirtschaft, Landwirtschaft, Industrie, oder in den Staatsdienst. Es gibt Nerother Komponisten, Poeten, Maler, Architekten und Schulmeister. Ihnen allen eignet, begegnet man ihnen in ihren Positionen, eine Besonderheit der Selbstgestaltung, die sich allein aus dem Jugenderlebnis des Bundes herleitet.
Und sie alle erinnern sich ihrer Bundesjahre als einer Zeit unbändiger Freude, ungehemmter Selbstentfaltung und Wesensfestigung. „Was ich bin und werden konnte“, hört man grauhäuptige Professoren sagen, „danke ich den Oelbs“. Unter dieser Abkürzung verstand sie die „Doppelherzige“ Bundesführung: Robert und Karl.
Konnte Robert als der Initiant des Ganzen gelten, so fiel auf Karl die Tat, das praktische Zupacken. Die größte, die schöpferische Zeit des Bundes (1920-1932) war durch ihr Zusammenwirken gekennzeichnet. Durch Roberts Tod (die Nazis ließen ihn im KZ verenden) wurde Karl zum alleinigen Bundesherrn. Und schwer und verzehrend war's für ihn, Robert innerlich mitzuleisten. Doch war immer noch genügend Substanz in ihm, um den Bund in der sehr schwierigen Folgezeit des zweiten Weltkriegs wieder auf die Beine zu stellen. Es gelang. Wenn auch der Bund ein anderes Gesicht zeigte, als in seiner Glanzzeit, so konnte er doch, kraft der aufrecht erhaltenen Tradition, zu neuer, und den andersartigen Zeiten angemessener Wirkung gelangen. Das rühmenswerte Erbe: Weltfreundlichkeit, Welterfassung durch Welterleben und nicht durch Theorie, prägte ihn nach wie vor. Schon gibt es Nachkriegsnerother, die ihr Nachkriegsbundeserlebnis nicht missen mögen. Schon hat sich ein neuer Kreis von Befürwortern, Fördernden und „Schutzgeistern“ aus allen möglichen geistigen Rängen dem Bund zugeordnet.
Zweifellos war der Nerother Bund eine der eigensinnigsten Regungen innerhalb der Grenzmarken des Wandervogels, wie er sich in der Zeit der Jahrhundertwende entwickelt hatte. Dazu mag beigetragen haben, daß er primär ein rheinisches Ereignis war. Die Oelbermanns blicken auf eine lange Familiengeschichte zurück, die in Köln und Bonn zentriert war, und in der katholisches Erbe spürbar nachwirkte. Die dem Bund nachgerühmte Kundigkeit, Feiern und Feste in einzigartiger Ausführlichkeit zu zelebrieren, auch seine Tendenz, sich unter bedeutsame Symbole zu stellen (der Weiße Schwan im blauen Bundesbanner), mögen sich darauf zurückführen.
Eine Großtat Roberts war es, die bis dahin übliche Aufteilung des Bundesvolkes in Gaue durch eine solche in Orden zu verwandeln. Jeder Orden hatte sein eigenes Gesicht, und man konnte sich, egal wo man zuhause war, demjenigen Orden anschließen, dem man sich wesensmäßig am tiefsten verwandt fühlte. Jeder Orden wiederum führte sein eigenes Wappen, unter dem er sich begriff, seine eigenen Farben. Der Bund war ihrer aller gemeinsame Heimat und Robert das übergeordnete Leitbild, in welchem ihrer aller Verschiedenheit sich zur Gemeinschaft verband.
Das alles hatte nie zwangsneurotische Akzente, es war immer dogmenfrei, hielt sich in Schwebe, konnte genauso gut als grandioser Scherz gelten, denn der Bund war, unter seinesgleichen, einer der ersten, der sich in seiner blühenden Romantik durchaus ironisch verstand. Das drückt sich schon in seinen Ordensnamen aus. Die Spannweite reichte vom Orden der Landstreicher bis zum Orden der Gralsritter. Dazwischen war die Skala reich besetzt mit sarkastischen oder pathetischen Devisen: Piraten, Freibeuter, Schwanenritter, Bockreiter, ein reicher Flor, der mit den Jahren (und bis heute hin) ständig das Panorama wechselt, altes wieder aufnimmt, neues hinzufügt, wobei offen bleibt, ob nicht auf die innere, sozusagen geheime Struktur des Bundes doch etwas vom Geist des geschichtlichen Templerordens abgefärbt habe: in der Gründungsschrift des Bundes ist Stefan George richtungweisend zitiert. Aber auch hier war der rigorosen Spannweite nichts abzumarkten. Sie reichte von George über Rilke und Börris von Münchhausen bis zu Bert Brecht. Gewiß war der Bund einer der ersten, in denen Brechts Hauspostille gelesen und - was entscheidender ist - gesungen wurde. Und zwar mit selbstgeschaffenen Melodien.
Denn auch in der Musikgestaltung war der Bund eigenen Wegen gefolgt. Man sang Selbstgeschaffenes, darunter Lieder von eigentümlicher Wucht, die bald die ganze Jugendbewegung für sich gewannen und sogar über die Grenzen wirkten. Man kann sich bei Abhören französischer, englischer, amerikanischer Sender davon überraschen Iassen. Einige davon machte sich die französische Resistance zu eigen. Man hatte sie von deutschen Überläufern gelernt.
Zweifellos schließlich war der Bund auch einer der ersten, der die technischen Mittel, die sich aus der Gegenwart anboten, nicht verschmähte. Alle modernen Fortbewegungsmittel, wie und wo immer sie sich auftaten, machte er sich zu eigen. Von Auto bis Flugzeug, Handelsdampfer bis Güterzug (einschließlich trampen), ließ er sich bestens dienen, was seine Großfahrten zum Ziel führen konnte. Es gibt kaum einen markanten Punkt auf dem Globus, den die Nerother Wanderscharen nicht berührt hätten. Die Nerother Fahrtenberichte haben es in sich und sie machten Schule. Auch die Spielscharfahrten über die Grenzen hinaus mit Planwagen und Pferden, Wilhelm-Tell-Aufführungen sogar in Indien, „Totentanz“ in Südamerika, komische Ritterstücke von Martin Luserke überall, wo sie durch ihre Drastik verstanden werden konnten: es ist kein Ende des Aufzählens, und hunderte, was sage ich, wenn ich die Jahre überblicke: tausende von deutschen Jungen waren glücklich, dabei sein zu dürfen, das Geschehene durch ihr Vorhandensein zu tragen.
Die Treue ist die natürliche Mitgift des Bundes. Sie hat sich immer dort - ohne Eid und Eideszwang - hergestellt, wo der einzelne von seiner Mentalität her zum Nerothertum prädestiniert war. So konnte der Bund, indem er über einen festen Kern verfügte, die Zwangsauflösung während der Nazizeit, und die daraus resultierenden Spaltungen, Absprünge, Anfechtungen überstehen. Und so konnte Karl Oelbermann, als er aus der Internierung in Südafrika (wo er auf Bundesfahrt vom Kriegsausbruch überrascht wurde) in das verstörte Nachkriegsdeutschland zurückkehrte, den Neubeginn wagen. Heute ist der Bund mit der altgewohnten Mitgliederzahl wieder eine Wirklichkeit.
Am Samstag, dem 12. Oktober 74, dieses von Katastrophen stigmatisierten Jahres, erreichte mich in unserer Genfer Wohnung ein Telegramm mit dem Absender: Burg Waldeck im Hunsrück. „bundesführer tot beisetzung Sonntag 11 uhr / nwv“. Lapidar und genau, wie es dem Bund immer an Wendepunkten seines Schicksals eigen war. Und überraschend, weil eben gerade der 75. Geburtstag des letzten Oelbermann in großer Form und mit gewaltiger Gästeschar gefeiert worden war. Mit der Aussicht, daß man dann den 80. Geburtstag in noch größerer Form begehen würde. Nun hatte es ihn zwei kleine Jahre davor getroffen. Für mich war mit diesem Abschied eine Freundschaft von fast fünf Dezennien – oft streithaft, selten zweifelnd – zu Ende. Im Zusammenhang fiel mir ein Traum ein, den ich – so stellt es sich jetzt dar – in der Todesnacht Karls hatte. Ich sah eine Sonnenuhr auf einem alten Gemäuer, doch fiel kein Licht auf den Weiser. Statt dessen war paradoxerweise ein dumpfes Ticken zu hören, das dann plötzlich mit einem wie von ablaufenden Gewichten herrührenden Rasseln aufhörte. Auf dem eisernen Kreis, der den Weiser umgab, standen anstelle der Ziffern lateinische Buchstaben. Sie bildeten einen Spruch, den ich aus ungefährer Erinnerung rekonstruieren konnte: „NON VI SI PENSA QUANTO SANGUE COSTA“.
Der heutige Bund wird jetzt erst entdecken, was für eine Konstante er in diesem unerschütterlich seine Überzeugungen (in denen Robert nachlebte) durchsetzenden Mann besaß.
Auf der Bundesburg, von der alles ausging, verschied er. Auf dem Friedhof des benachbarten Dorweiler wurde er mit großer Beteiligung nicht nur der älteren und jungen Bundesmitglieder, sondern auch der Einheimischen, der Regierung, der Presse und eines erstaunlich schnell gegenwärtigen Freundeskreises neben seinem Bruder Robert gebettet. Beide nun für immer vereint.
Die Nachfolger werden es schwer haben, das verwaiste Bundesvolk durch die Wirbel einer immer schneller bewegten Zeit zu lotsen.